Änderung der Irak-Strategie
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 13. November 2006 18:00 Uhr
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Interessante Dinge passieren. So hat Präsident Bush nun reagiert und will mit einer neuen Irak-Strategie aufwarten. Natürlich hatte Bush in seiner wöchentlichen Radioansprache ebenso klar gemacht, dass es auch nach dem Sieg der Demokraten keinen sofortigen Truppenabzug aus dem Irak geben werde. Die Demokraten hingegen drängen bereits darauf, mit dem Truppenabzug in den nächsten vier bis sechs Monaten zu beginnen - der politische Konflikt ist vorprogrammiert.
Bush will heute mit den Vertretern der überparteilichen Kommission „Iraq Study Group“ zusammentreffen, um über eine neue Strategie im Irak zu diskutieren. Beobachter erwarten, dass diese Gruppe noch vor dem Jahreswechsel der US-Regierung Vorschläge zum weiteren Vorgehen im Irak unterbreiten will. Es wird jedoch auch vor „übertriebener Hoffnung“ gewarnt. Die Situation im Irak sei zu schwierig, um sie schnell oder mit einfachen Mitteln zu lösen.
Wieviel hat Bush geahnt?
Bush scheint sehr schnell auf den Wahlsieg der Demokraten zu reagieren, vielleicht auch reagieren zu müssen. Ich frage mich in diesem Zusammenhang, ob die Regierung in den USA wirklich derart abseits der Wirklichkeit gelebt hat und diesen erdrutschartigen Wahlsieg der Demokraten nicht hat kommen sehen? Kann es sein, dass sie die heftige Kritik der eigenen Bevölkerung im Zusammenhang mit dem Irak nicht wahrgenommen, oder falsch interpretiert hat? Mir fällt dazu nur die Siegessicherheit ein, die Bush im Vorfeld der Wahl zur Schau getragen hat. War das wirklich nur Wahlkampftaktik oder doch auch ein Zeichen von Ahnungslosigkeit?
Ich glaube, wir alle würde sicherlich gerne einmal Mäuschen spielen und zuhören, was wirklich im weißen Haus so passiert. Auf der anderen Seite befürchte ich, dass es vielleicht besser ist, nicht alles zu wissen. Der unwissende Narr schläft zuweilen besser.
Heute spricht Bush zudem mit dem israelische Ministerpräsident Ehud Olmert. Themen sollen die Nahostpolitik und der Atomstreit mit dem Iran sein. Wahrscheinlich werden auch die Konsequenzen aus dem Wahlsieg der Demokraten thematisiert.
Blair spricht sich für Gespräche mit Syrien und dem Irak aus
Aus England kommen nun auch verstärkt Signale, die auf eine Änderung der Irakpolitik hinweisen. So will Blair Syrien und den Iran stärker einbinden. Dazu hatte es ein längeres Telefonat zwischen Bush und Blair gegeben. Nach den Wahlen und diesem Telefonat schloss das Weiße Haus direkte Gespräche mit Syrien und dem Iran nicht mehr aus. Offiziell geschieht dieser Richtungswechsel in England vor dem Hintergrund wachsender Gewalt in Irak. So wurden gestern erneut britische Soldaten im Irak getötet. Der innenpolitische Druck wächst.
Zumindest reagiert der Ölpreis auf die zunächst nach „Entspannung“ aussehenden Nachrichten. Sollte es jedoch tatsächlich zu einem Truppenabzug aus dem Irak kommen, könnte sich das leider auch schnell wieder ändern. Ich halte es für gefährlich nun überhastete Aktionen anzugehen und glaube auch deshalb nach wie vor nicht, dass es zu einem schnellen Abzug kommen wird.
Amtsenthebungsverfahren ist vom Tisch
Wie ich es auf den zweiten Blick erwartet hatte, hat es Nancy Pelosi eindeutig bestätigt: Ein Amtsenthebungsverfahren gegen Bush ist vom Tisch! Aber es werde über einen Untersuchungsausschuss nachgedacht. Pelosi sagte, sie werde sich nicht dazu hinreißen lassen, es den Republikanern heimzuzahlen und spielte damit auf das Verfahren gegen Clinton an. Offenbar will sie verhindern, dass die Bevölkerung ein solches Verfahren lediglich als „Racheakt“ interpretiert.
Aktien- oder Immobilienmarkt, wohin fließt das Geld?
Die Investmentbanken werden zum Jahresende ihre Boni an ihre Mitarbeiter auszahlen. Allein Merril Lynch und Lehman Brothers sollen über 35 Mrd. Dollar ausschütten, hinzukommen noch die Auszahlungen der anderen Investmentbanken. Insgesamt sollten die Auszahlungen so hoch sein wie nie zuvor.
Es fragt sich nun, wohin fließt das Geld? In den Aktienmarkt, in den Immobilienmarkt oder in den Konsum? Eigentlich ist es unerheblich, denn egal wo es hinfließt, es käme dem Aktienmarkt zugute. Fließt es in den Konsum, ist es gut für den Verlauf des vierten Quartals. Fließt das Geld in den Immobilienmarkt wird es sich hier stützend auswirken und so eventuell Sorgen aus dem Markt nehmen. Fließt es direkt in den Aktienmarkt wird es zu Kurssteigerungen führen.
Markt hält sich noch sehr stabil
Noch hält sich der Markt sehr stabil. Diese Woche wird es sich entscheiden: Kommt es zu steigenden Kursen und werden die wichtigen Widerstände, die ich Ihnen letzte Woche vorgestellt hatte, nachhaltig überwunden, dann steht einer Jahresendrallye kaum noch etwas im Wege. Besonders, wenn der Ölpreis weiter fallen sollte oder lediglich stabil bleibt. Nicht vergessen sollten wir, bei all den Zweifeln die man so liest, dass der Dow Jones gerade noch in der letzten Woche ein neues Allzeithoch ausgebildet hat. Wir sind also insoweit immer noch im Bullenmodus. Gedanken über bearishe Szenarien muss man sich erst machen, wenn wichtige Marken nach unten brechen, die noch weit weg liegen. Die Hoffnung genau das Top zu erwischen, hat schon viel zu viele Marktteilnehmer arm und Analysten zu „Idioten“ gemacht.
Viele Grüße
Jochen Steffens