Absurditäten und seltsame Zufälle
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 11. Januar 2005 18:00 Uhr
ENL5454
"Der Dollar verzeichnet den stärksten Rückgang seit zwei Wochen!", das meldete heute morgen ein eigentlich recht seriöser Fernsehsender. Man darf sich fragen, welcher Redakteur da wohl Dienst hatte. Es kam lediglich zu einem "minimalen" Rücksetzer des Dollars. Natürlich ist jeder noch so kleine Rückgang des Dollars, jede noch so minimale Schwäche, wenn er zuvor zwei Wochen dramatisch ansteigt, "der stärkste Rückgang seit zwei Wochen".
Das ist wahrer Journalismus! Anderseits hört sich die ebenso korrekte positive Aussage: "Der Euro hat sich über Nacht ganz leicht stabilisiert!", nicht nach einer Schlagzeile für die morgendlichen News an – das gebe ich zu.
Etwas, das mir noch aufgefallen ist: Vermehrt war in den letzten Tagen zu lesen, dass sich der Dax vielleicht sogar von seinen amerikanischen Brüdern "abkoppeln" könne. Ich möchte deswegen noch einmal etwas ausführlicher auf etwas hinweisen, dass ich bereits letzte Woche geschrieben habe:
"Abkoppeln" würde bedeuten, eine eigene vom US-Markt unabhängige Entwicklung und Dynamik. Vergessen Sie das. Das wird der Dax sicherlich NICHT tun. Dazu wäre, wenn das überhaupt je geschieht, zuvor ein sehr langer Prozess notwendig. Der Dax und die europäischen Indizes hängen immer noch am Tropf des amerikanischen Marktes, daran wird sich so schnell nichts ändern. Aber der Dax hat die Kraft, deutlicher zu steigen, als der amerikanische Markt, und weniger stark zu fallen. So würde er sich mittelfristig einfach besser entwickeln. Doch sobald die amerikanischen Börsen eröffnen, wird er mit diesen wie gewohnt steigen und fallen.
Das nur, damit kein falscher Eindruck entsteht.
Heute leidet der Dax unter der Angst vor den Intel Zahlen, die nachbörslich veröffentlich werden. Hier gibt es im Vorfeld Information, dass sie enttäuschen könnten. Das nutzten gerade im Dax Future offensichtlich Investoren, um ihre Positionen in Sicherheit zu bringen. Der Dax zog frustriert hinterher. Sollten die Zahlen wirklich schlechter ausfallen, gilt für die USA, insbesondere da die Kurse dort zuvor seit Anfang des Jahres schwächer notierten: "Buy the bad news", kaufe die schlechten Nachrichten – also wundern Sie sich nicht, wenn Mittwochnachmittag die Kurse trotz schlechter Intel-Zahlen steigen (nur extrem schlecht dürfen sie natürlich nicht sein).
Allerdings hat der Dax heute unter einer weiteren Seltsamkeit gelitten. Um 13.06 Uhr sackte die Allianz mal eben ganz kurz um 6 % auf 91 Euro ab. Konnte sich dann jedoch schnell wieder erholen. Offensichtlich hat es sich hierbei um eine Fehleingabe gehandelt – ein Misstrade. Irgendjemand ist heute ziemlich ins Schwitzen geraten, denke ich.
Damit wären wir beim letzten Punkt für heute, der mir allerdings störend aufgestoßen ist:
Immer wieder passieren so seltsame "Zufälle" an den Börsen. KarstadtQuelle legte heute vorläufige Zahlen vor, welche die Analysten enttäuschten. Zwar wurden die eigenen Erwartungen getroffen, aber die Analysten hatten aufgrund des Weihnachtsgeschäftes mit mehr gerechnet. Trotzdem waren die Zahlen damit im Groben bereits im Kurs enthalten. Schließlich setzen die Investoren aktuell auf eine bessere Zukunft durch Restrukturierungen NACH einem desaströsen Jahr 2004.
Nachdem es, wie zu erwarten, zu einem deutlichen Kursverlust gekommen war, konnte sich die Aktie danach sogar wieder deutlich erholen und die ersten Notierungen übertreffen. Bis dahin war noch alles im normalen Bereich.
Doch plötzlich folgte noch eine weitere Nachricht, nämlich, dass die Nachfahren der Kaufhausdynastie Wertheim doch mehr als die bekannten 145 Mio. Euro fordern. Das soll aus "mit dem Fall vertrauten Kreisen" (FTD), zu hören gewesen sein.
Natürlich brach die bereits angeschlagene Aktie danach erst richtig ein. Mir scheint der Zeitpunkt und die Art des Gerüchts ein wenig seltsam. Die Geschichte ist ja eigentlich alt, Karstadtquelle hat die geforderten 145 Mio. bereits in seinen Bilanzen stehen. Sogar die Nachricht, dass die Nachfahren mehr fordern könnten, ist schon einmal durch die Medien gejagt worden. Was soll also diese Nachricht, die eher ein Gerücht ist, zufällig heute, in dem Moment, wo die Aktie am verletzbarsten ist?
Ein Schelm wer hierbei Böses dächte! Noch seltsamer wird es, wenn man bedenkt, das KarstadtQuelle zu Jahresbeginn deutlich gestiegen ist. Das ist ein Hinweis darauf, dass institutionelle Anleger sich hier positioniert haben. Klarer wird alles, wenn man sich fragt, wer wohl nach diesen Nachrichten verkauft hat. Die starken Hände oder die zittrigen Kleinanleger, denen das "P" in den Augen steht. Dann sollten Sie sich noch fragen, wer diese ganzen Verkäufe der Zittrigen und Ängstlichen liebend gerne aufkauft. Denn jede verkaufte Aktie wird schließlich auch "gekauft".
Ich weiß natürlich nicht, ob dieses Mal das Zusammenfallen dieser beiden Nachrichten nicht doch ein Zufall war. Diese Frage interessiert mich jedoch auch nicht. Mich interessieren nur Wahrscheinlichkeiten:
Die Wahrscheinlichkeit sagt mir, dass ziemlich oft, wenn nach einer ersten schlechten Nachricht, eine zweite schlechte Nachricht folgte oder besser sogar nur ein negatives Gerücht aufkam, das mittelfristig ein ziemlich bullishes Zeichen war.
Wenn Sie also in einer Aktie investiert sind und derartige "Offensichtlichkeiten" geschehen, versuchen Sie gelassen zu analysieren, was gerade passiert und welche Auswirkungen das auf die Zukunft der Aktie haben könnte. Wenn nichts weiteres dagegen spricht, interpretieren Sie solche Gerüchte als bullishes Zeichen.
Und wenn es dann dieses eine Mal doch ein Zufall gewesen ist und so eine Aktie dann nicht weiter steigt, haben Sie immer noch (hoffentlich) einen Stop im Markt!