Absurde Pressemitteilung
Michael Vaupel in Traders Daily
vom 11. Januar 2010, 12:00 Uhr
ENL5454
*** Na so was:
Eben bin ich über eine Pressemitteilung der „Evangelischen Kirche Mitteldeutschland" gestolpert.
Da kritisiert der Oberkirchenrat den Journalistenkollegen Helmut Matthies. Dieser hat einen Journalistenpreis erhalten, den „Gerhard Löwenthal Ehrenpreis".
So weit so gut. Doch nun fordert der Oberkirchenrat den Preisträger Matthies öffentlich auf, den Preis zurückzugeben, da dieser von der rechts-konservativen Wochenzeitung „Junge Freiheit" vergeben wird. Man lese und staune.
Ich zitiere aus der Pressemitteilung: „Mit der Annahme des Gerhard-Löwenthal-Ehrenpreises lässt Matthies die gesamte idea-Redaktion auf dem Grat zum rechtsextremen Milieu balancieren."
Kein Witz. Der Mann meint das offensichtlich ernst. Ich könnte mir so etwas nicht ausdenken.
Weil eine rechts-konservative Zeitung den Preis vergibt, wird - Meinungsfreiheit ignorierend - ein Journalist öffentlich von einem Mann der Kirche dazu aufgefordert, diesen abzulehnen.
Je nun, Borniertheit macht also vor Funktionsträgern der Kirche nicht halt. Wohlan, hier haben wir es offensichtlich auch mit einem der „Viel-zu-Vielen" zu tun. Ihm das heutige Zitat des Tages.
*** Das ärgert mich gerade doch etwas. Unter anderem deshalb, weil ich selbst schon mal für die „Junge Freiheit" etwas schreibe (Wirtschaftsteil). Wie übrigens auch Journalisten wie Peter Scholl-Latour.
Darum geht es aber gar nicht in erster Linie. Denn auch wenn ich das Blatt selber "völlig daneben" finden würde, würde ich es wegen des Rechts auf eine eigene Meinung verteidigen.
Ich sage Ihnen mal etwas: Für mich als Mitglied der Trader´s Daily-Gemeinde sind Schlagworte wie „links" und „rechts" sowieso ganz einfach überholt. Politische Ideen messe ich am Nutzen für das Volk. Unvoreingenommen. Ich liebe Wahrhaftigkeit und bin gegen Ungerechtigkeiten oben und unten.
Und hier sehe ich eine Ungerechtigkeit gegen den Journalistenkollegen Helmut Matthies. Punkt.
*** A propos Peter Scholl-Latour („PSL"): Diese Journalisten-Ikone finde ich grandios. Wo sonst findet man eine solch herzerfrischende „politische Unkorrektheit", gepaart mit brillanten Formulierungen und grandioser Sachkenntnis?
Letztes Jahr hat „PSL" es geschafft, auch den letzten der 192 Staaten der Welt zu besuchen, inklusive den Mini-Eilanden im Pazifik und der Antarktis. Eine Karte mit seinen eingezeichneten Reiserouten ist einfach nur beeindruckend („alles rot").
Sein jüngstes Opus „Die Angst des weißen Mannes" habe ich am Wochenende verschlungen. Und da ich es im heutigen Beitrag ohnehin nicht mehr zu den Märkten schaffe (sorry, lieber Produktmanager!), ist dies meine Empfehlung für Sie: „Die Angst des weißen Mannes" von PSL.
Kleine Kostprobe gefällig? Bitte:
„Es sei doch ein schändlicher Witz, dass an einer Schlüsselstellung internationaler Seefahrt, im Golf von Aden (...), eine lächerliche Fischereiflotte somalischer Hungerleider mit ihren brüchigen Schlauchbooten allein im Jahr 2008 annähernd hundert Handelsschiffe und Tanker attackiert und 35 von ihnen ohne nennenswerte Gegenwehr mit einer paar Kalaschnikows gekapert hätten. (...) eines Tages werde es dieser Koalition wohl gelingen, dem Spuk dieser primitiven Korsarenmannschaft ein Ende zu bereiten. Aber welcher Blamage habe der Westen sich dort ausgesetzt!"
Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Woche.
Ihr
Michael Vaupel
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Kommentare
Kommentar abgeben- Kommentar von klaus feldmann (11.01. 2010 12:54 Uhr):
hallo, herr vaupel, gut so, dass sie auch derartige artikel veröffentlichen. ich bin wirklich kein "rechter", die kirche sollte sich mehr um ihre seelsorgerischen aufgaben kümmern, als solche deplatzierten aussagen abzugeben. das ist m.e. auch ein grund warum sich auch christlich gesinnte von der kirche abwenden. grüsse aus detmold
Antworten - Kommentar von Hartmut Bloß (11.01. 2010 13:20 Uhr):
Sehr geehrter Herr Vaupel, gratuliere zu Ihrer freimütigen Stellungnahme in der Causa "Mitteldeutscher Oberkirchenrat". Die Meinungsfreiheit darf in Deutschland nicht noch weiter vor die Hunde gehen. Ich stelle in den letzten Jahren fest, daß sich offizielle evangelische Kirchenkreise immer mal wieder daran vergreifen. Eine Zensur mit Heiligenschein! Ich denke wie Sie: Alles was unserem deutschen Volk nutzt, ist erst einmal positiv zu sehen. Wie das dann in der europäischen Landschaft durchgesetzt werden kann, ist Sache unserer Regierung. Daß es dabei - auf internationaler Ebene - um Interessenausgleich geht, ist selbstverständlich. Das sind an sich Binsenwahrheiten, aber in der zunehmend verquarzten und vermufften politischen Atmosphäre hierzulande müssen wir offenbar eindeutig Farbe bekennen für Freiheit und Demokratie. Es kommt mir so vor, als ob wir heute eine schleichende Entwicklung zu einer Art DDR light für ganz Deutschland erleben. Das aber kann doch nicht wahr sein! Nicht zufällig, daß dieselben Oberkirchenratskreise sich in den vergangenen Monaten in der Diffamierung aller, die irgendetwas mit Banken und Börsen zu tun haben, unrühmlich betätigt haben. Daran sieht man im Umkehrschluß wieder mal, daß die Freiheit unteilbar ist. Entweder gibt es sie ganz oder gar nicht. Mit freundlichen Grüßen Hartmut Bloß
Antworten - Kommentar von Steffen Esser (11.01. 2010 13:32 Uhr):
Es ist einfach erfrischend und "tagesleichterertragend," Ihre Zeilen zu lesen. Danke, Herr Vaupel ..... Ihr Steffen Esser
Antworten - Kommentar von Berthold König (11.01. 2010 13:44 Uhr):
Auch unsere Politiker sollten mal seine (PSL) Bücher lesen!!!
Antworten - Kommentar von Andreas Hofmann (11.01. 2010 16:10 Uhr):
Sehr geehrter Herr Vaupel, gibt es hier eine Zeilenbeschränkung. Woltle Ihnen einen Leserbrief schicken, gelang abernicht, weil Kommentar angeblich eine ungültige Zeichenkette habe...
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- Kommentar von Rolf Stolz (11.01. 2010 17:26 Uhr):
Lieber Herr Vaupel, jedes Wort kann man nur zustimmend dick unterstreichen. Ich habe (ohne eine Antwort zu erhalten), diesem Kirchenoberen geschrieben: als Christen wissen wir, daß alle Menschen sündig sind und sich irren – nicht immer, aber immer wieder einmal. Als Christen wissen wir, daß wir kein falsches Zeugnis über unsere Nächsten ablegen dürfen und daß wir, wenn wir dies doch getan haben, es bereuen und es in aller Öffentlichkeit sühnen und wieder gut machen müssen. Ich kenne Sie nicht persönlich, ich weiß fast nichts über Sie, aber wenn Sie ein Christ sind (dem Geist und Herzen, nicht allein dem Amt nach!) werden Sie bald schon erkennen, daß Sie sich mit Ihren Angriffen auf Helmut Matthies und auf die „Junge Freiheit“ völlig verrannt haben, daß Sie durch Meinungsmache, Lüge und Verleumdung Schuld auf sich geladen haben und daß Sie umkehren müssen zu Wahrhaftigkeit und zu jener Fairneß, die eine Grundvoraussetzung aufgeklärten Meinungsstreits ist. ... Ich bin seit über zehn Jahren Autor der „Jungen Freiheit“ - als demokratischer Linker (Mitglied im SDS seit 1967, Mitbegründer und weiterhin Mitglied der GRÜNEN) wäre ich dies nicht, wenn es in dieser Zeitung eine rechtsextreme Haltung oder auch nur eine „Grauzone“ gäbe. Als Demokrat, als unabhängiger Linker in der Tradition von Kurt Schumacher, Alfred Kantorowicz und Rudi Dutschke bin ich entsetzt, wie von verblendeten und verhetzten Menschen im Lager des Linksopportunismus immer wieder jene Schuld zerredet und beschwiegen wird, die viele Kirchenfunktionäre in der DDR auf sich geladen haben durch Komplizenschaft mit der stalinistischen Diktatur (nicht unähnlich jener Liebedienerei gegenüber dem Nazismus, die nicht allein bei den „Deutschen Christen“ zu finden war!). Dieselben Leute, die nichts gelernt und alles vergessen haben, werden erneut schuldig als Betreiber von Hetzkampagnen gegen alles, was nicht ihre Ideologie teilt – gegen Konservative ebenso wie gegen patriotische Linke, die man als „Rechtsextreme“ verleumdet und gleichsetzt mit dem braunen Sumpf.
Antworten - Kommentar von Werner Harke (11.01. 2010 20:48 Uhr):
Lieber Herr Vaupel, habe mich sehr über ihre stellungnahme gefreut. Ich denke, borniert ist das richtige Wort. Bleiben sie weiter politisch inkorrekt. Mit herzlichen Grüßen Werner Harke
Antworten - Kommentar von herbert Bellschan von Mildenburg (11.01. 2010 21:39 Uhr):
Zu Ihrer Offenheit und Meinung kann man nicht nur beipflichten sondern herzlich gratulieren... Ich war,bin und bleibe fuer die FREIE MEINUNGSAESSERUNG und es ist eine Schande wie diese in DEUTSCHEN LANDEN mehr unterdrueckt und verfolgt,ja bestraft wird,als in China..Erspare mir weiteres Kommentar und gruesse Sie HOCHACHTUNGSVOLL!-
Antworten - Kommentar von Hubert Knigge (11.01. 2010 23:51 Uhr):
Sehr geehrter Herr Vaupel, Ihr Kommentar zur Preisverleihung und die Kritik derselben von Kirchenseite ist doch sehr bezeichnend für Sie. Sie sehen Nazi-Publikationen als Mittel der Pressefreiheit an. Was Sie mit dem Blick in die Geschichte jedoch sehen können, ist die Auswirkung solcher Publikationen seit 1933. Da Sie selbst in der NF ein paar Zeilen unterbringen zeigt, dass Sie von dem Verlag beeindruckt sind. Ich sehe die Kirche als eine Vertretung von einer großen Volksgruppe in D sehr in der Verantwortung und Berechtigung gegen diese Maßnahme Stellung zu beziehen. Hochachtungsvoll
Antworten - Kommentar von teppichprofi (12.01. 2010 09:16 Uhr):
Da kann ich nur zustimmen, eine absurde Pressemitteilung. Und prima, das Sie diese komentieren. Auch der Meinung zu Herrn PSL, den ich verehre, stimme ich im vollen Umfang zu. Einige Wichtigtuer, die die Pressefreiheit aushebeln wollen, sollen auch mal in die Schranken gewiesen werden. Recht so, da kann auch mal ein Beitrag ausfallen.
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- Kommentar von Appelt (12.01. 2010 12:14 Uhr):
Wieso das eine "absurde" Meldung ist, verstehe wer will. Es ist doch legitim, dass die Unterstützung rechtskonserativer Standpunkte kritisierbar ist. Wer einen solchen Preis annimmt, hat erhebliche demokratische Defizite! MfG Appelt
Antworten - Kommentar von Konrad Ritter (15.01. 2010 12:16 Uhr):
Hallo, Herr Vaupel, danke für den Beitrag. Wehren wir uns dagegen, in Schubladen einsortiert zu werden, wenn wir nicht das nachplappern, was Politiker und Massenmedien uns einzureden versuchen. Meinungsfreiheit ist eins der wichtigsten Güter, die es zu verteidigen gibt. Leider sind auch viele Kirchenführer vom Zeitgeist infiziert. "Nur Persönlichkeiten bewegen die Welt, niemals Prinzipien. Oscar Wilde" Mit freundlichem Gruß aus Berlin
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