Abgeltungssteuer- Amen
Dr. Markus Schoor in Investoren Wissen
vom 30. Oktober 2008, 16:00 Uhr
ENL5454
liebe Leser,
neulich beim MoneyPowerDay wurde ich nach meinem Part angesprochen und eine Dame gestand mir, dass Sie mich völlig falsch eingeschätzt hatte. Sie hatte vermutet, ich wäre ein arroganter Schönling, der immer nur in der Sonne liegt, und vom Geld faselt, welches er anderen Leuten abgeschwätzt hat. Aber Sie versicherte mir hinterher, diese Vorstellung habe sie jetzt korrigiert.
Tatsächlich bin ich der Typ der gestern auf der Autobahn bei Figueras (in Spanien) ausgeraubt wurde. Ich war auf dem Weg nach Barcelona um einenFreund vom Flieger abzuholen, und hielt an einer Raststätte zwischen Figueras und Girona um kurz die Toilette aufzusuchen.
Als ich vielleicht 40 Sekunden später zum Auto zurückkam, und wieder einsteigen wollte, zischte es komisch... Ich stellte fest, dass mir hinten jemand in den Reifen gestochen hatte, und dass die Luft schnell entwich!
Da habe ich bestimmt richtig doof ausgesehen. Nicht einmal ein doof dreinblickender Schönling... das war ja auch so ein Irrtum der Dame. Warum sollte mir jemand einfach mal so in den Reifen stechen? Ich war ein fassungslos. (ich hatte kurzzeitig einen französischen Vito-Fahrer in Verdacht, an mir eine späte Genugtuung für eine Scheidung von einer Deutschen vollzogen zu haben....?!)
Noch hatte der Reifen kaum Luft verloren und so stieg ich schnell ein und fuhr zu Tankstelle vor - wer weiß , ob der Ersatzreifen Luft haben würde, ich konnte dort eine Station für Reifenluft sehen.
Also fuhr ich dorthin, rief zuhause an, um mitzuteilen, dass der Gast sich selber ein Auto mieten müsse, denn ich würde es nicht bis Barcolona schaffen: ich blickte dabei auf einen Spielzeugersatzreifen - und einen vollen Reservekanister Benzin, von dem ich vorher nichts gewußt hatte.
Schnell war der Wagen aufgebockt. Zufällig kam dann gerade ein großer Autobahnservicewagen vorbei, mit der Aufschrift eines spanischen Automobilclubs. Die beiden Jungs packten kurz mit an, und schlupps war der Reifen gewechselt.
Als ich den beiden ein Trinkgeld geben wollte, stellte ich fest, dass mein Portemonaie weg war. Bald war mir klar, was einer der beiden getrieben hatte, während ich mit dem anderen im Kofferpacker gewerkelt hatte. Aber was sollte ich tun? Irgendwelche Behauptungen aufstellen?
Ich schickte die Jungs weg und suchte immer noch nach meinem Geldbeutel - das konnte doch einfach nicht wahr sein!
Folgte aber den Jungs mit ihrem dicken Pannenwagen mit den Augen. Als sie weg waren, suchte ich alle Papierkörbe, Abhänge und Müllcontainer durch... aber nichts.
Innerhalb von nur 90 Minuten hatte dann meine einzige Lebensfreude (ich schlafe höchstens in verschiedenen Landschaften), alle Kreditkarten gesperrt. Ein Pass wird neu zu beantragen sein, ein neuer Führerschein, einige EC Karten.
Nun, die Jungs haben 60 Euro ergattert. Vielleicht waren Sie auch clever genug mit einer der Karten zu tanken.
Und so zuckelte ich mit 80 kmh (mit Kinderreifen ist schneller Fahren verboten) nach Hause, mogelte mich ohne Pass über die Grenze und war einfach glücklich als ich das Auto mit 3,5 Reifen zuhause wieder vor der Tür geparkt hatte.
Diesen Erlebnis machte mir klar, dass man niemals so reich sein kann, dass einem so etwas nicht passieren kann. Es gibt so viele Probleme auf dieser Welt, die man mit Geld nicht lösen kann und die einem dennoch begegnen. Am Ende dieses Tagen habe ich eine Flasche Wein geöffnet, denn ich war gesund, munter, ich konnte einen Wein geniessen und dankbar für meine tolle Lebensfreude sein, sogar doch noch mit meinem Freund Witze erzählen und lachen..
Mir fiel auch die Kamera in die Hände.... gut das die armen Jungs nicht diese Bilder in die Finger gekriegt haben: hier ein Beispiel:
Warum ist mir das Ganze passiert? Ich weiss es noch nicht. Mal sehn, mal sehn. Im Nachhinein haben die Dinge in meinem Leben alle Sinn gemacht. Seit dem ich dass vor einigen Jahren in meinen Leben entdeckt habe, seitdem hadere ich nicht mehr mit meinem Schicksal an solchen Tagen.
Es war nicht nur für mich ein Tag voller Schicksalsschläge gestern: auch die Anleger in sogenannte offene Immobilienfonds (darunter auch viele Fondsmanager, die eine konservative Beimischung gewählt hatten) erlebten einen Schock: Nach beiden KanAms schloß auch der Axa Immoselect und er SEB ImmoInvest die Rücknahme der Anteilsscheine - offenbar alle für drei Monate.
Unglaublich wieder einmal die Informationspolitik der Emittenten. Rückwirkend erklärte Fondsschließung, keine Mitteilung auf der Homepage auch 24 Stunden nach dem Versand an einige ausgewählte Vermittler und der Umsetzung in die Praxis.
Hinter all dem stecken ernorme Mittelabflüsse, die in diesen Tagen aus Geldmarkt- und offenen Immobilienfonds getätigt wurden. Und natürlich kann ein Immobilienfonds seine Häuser nicht einfach in 5 Tagen verscherbeln. Dann wird der Fonds eben geschlossen.
Aber was ist mit all den Investmentfonds und vor allem Dachfonds, die plötzlich illiquide Vermögensbestandteile haben, aber täglich einen Nettoinventarwert ausweisen müssen?
Nun, Fondsschließung enregen eher zu weiteren Mittelabflüssen an. Und so vermute ich, dass noch ehe die Woche endet, sämtliche offenen Immobilienfonds geschlossen sind, d. h. darin gehaltene Anteile nicht veräußert werden können.
Ich kann Sie nur als Anleger ermutigen, sich die Vorgänge sehr genau anzuschauen. Meines Erachtens ist die Informationspolitik der Fonds sehr fragwürdig. Ich bin absolut glücklich, dass ich kein Finanzvermittler mehr bin. Wenn Sie nur die Pressemitteilungen über den AxaImmoselect anschauen, den ich bis vorgestern noch auf meiner "sicheren Liste " hatte, wird dort bewußt der Eindruck erweckt, dass der Fonds Mittelzuflüsse im großen Ausmaß bekommt und förmlich in Geld schwimmt. (vor allem im Handelsblatt)
Jetzt ist das wieder alles falsch.
Die Mutter von Ray Charles hat ihrem Sonn eine Weisheit mitgegeben: "Wer lügt, der stiehlt auch!" Hoffen wir auf die Ausnahmen. Ich bin wirklich dankbar, dass ich im Jahr 2000 die Entscheidung getroffen habe, die Vermittlung von Kapitalanlagen vollständig aufzugeben. Hundertausende von Fondsvermittlern und Anlageberatern sind einmal mehr in einer verzweifelten Lage.
Die eigentliche Situation der Fonds wurde ihnen verheimlicht. Jetzt stehen sie vor dem Kunden wieder als Lügner dar: hat der Mann nicht gesagt, die Anlage sei mündelsicher? (Tatsächlich steht das auf der Seite von www.axa-immoselect.de - wollen wir wetten, dass die Axa bald davon nichts mehr davon wissen will, machen Sie sich also schnell einen Screenshot)
Seit dem ich in die Finanzbranche kam habe ich das jetzt schon mehrfach durch:
Die Kunden wollen unrealistische Produkte. Die Emittenten erfinden unrealistische Behauptungen über ihre Produkte. Die Produktvermittler verkaufen mit diesen Argumenten beim Kunden, da sie diese Behauptungen nicht nachprüfen können.
Dann geht alles schief. Der Kunde moniert die Lügen der Produktvermittler. Der Produktvermittler fällt aus allen Wolken, weil die Behauptungen, mit denen er verkaufen sollte, nicht stimmen. Der Kunde verklagt den Vermittler.
Danach wechselt der Produktvermittler das Produkt, die Firma oder die Branche.
Und der Kunde wechselt das Produkt und den Vermittler.
Die Kunden wollen unrealistische Produkte... usw.
Ein schönes Beispiel für einen unrealistischen Produktwunsch ist der ganze Blödsinn um die Abgeltungssteuer.
Sie wollen also einen Regenschirm haben, der aber auch in der Sonne funktioniert und bei dem Sie im Fall von Dauersonne kein Gewicht tragen wollen? So ungefähr lautet die Produktbeschreibung eines Fonds, der extra für die Abgeltungssteuer konstruiert wurde. Und was ist bei Dauerregen? Glauben Sie wirklich, dass irgendjemand das Börsenwetter in den nächsten Jahren so gut voraussagen kann, dass man dann auch darüber nachdenken sollte, wieviel Steuer man auf die Gewinne zahlt?
Ich kenne steuerorientierte Kapitalanlagen seit 1992. In 9 von 10 Fällen gab es keinen Gewinn. Das sind also Ihre Gewinnchancen, wenn Sie aufgrund der Abgeltungssteuer sich zu Entscheidungen drängen lassen.
Ich schreibe es jetzt das letzte Mal: Sorgen Sie zunächst einmal dafür, dass Sie die nächsten Jahren überhaupt Gewinne machen - und dann zahlen Sie schmunzelnd davon Abgeltungssteuer. Die, die sich jetzt um Abgeltungssteuer kümmern oder Sie dazu überreden wollen, werden in den kommenden Jahren gar keine Gewinne machen, außer Fortuna komm ihnen zu Hilfe...
Das erinnert mich wieder an die Jungs, die mir "zu Hilfe" kamen! Fortuna - pah!
Verzeihen Sie einem alten, molligen Hasen diese gepfefferten Worte. Sie können Sie sehr einfach relativieren: Denken Sie an mein dummes Gesicht, als ich feststellte, dass ich gerade meinen Räubern Trinkgeld gegeben hatte.
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