"Abgeltungssteuer - Aktuelle Entwicklungen - Lösungen"
Investors Daily
vom 03. April 2008 18:00 Uhr
ENL5454
Angekündigt mit dem Bonmot von Moderator Raimund Brichta "Der Steuerspartrieb der Deutschen ist größer als ihr Sexualtrieb" folgte das Top-Thema des Tages. Markus Miller, Chefredakteur des Briefs "Kapital & Steuern vertraulich", informierte über die wichtigsten Strategien für die kommende deutsche Abgeltungssteuer. Seine These: Es reicht in unserer komplexen Welt nicht mehr, sich nur auf das optimale Timing für Ihr Wertpapierportfolio zu kümmern, sondern die rechtlichen Rahmenbedingungen werden immer entscheidender für Ihren späteren Gewinn. Wichtig ist, dass es voraussichtlich noch weitere Verschärfungen der Ausgestaltung des Gesetzes geben wird. Negativ davon betroffen sind wahrscheinlich Zertifikatefonds und Dachfonds. Ein besonders wichtiger Punkt für Aktionäre ist auch, dass es bei Einzelaktienanlagen (die ja an sich bei Anschaffung vor 2009 steuerfrei bleiben sollen) sehr leicht zu steuerschädlichen Stammdatenänderungen kommen kann. Dazu kann jede gesellschaftliche Änderung wie Fusionen, Übernahmen etc. beitragen. Und das führt automatisch dazu, dass dann die Abgeltungssteuerfreiheit beendet wird! Daher sollten Sie den Schwerpunkt Ihrer Anlagen besser auf Indexanlagen wie ETFs (Exchange Traded Funds) oder andere breit streuende Fonds legen. Auch bei Indexzertifikaten und ähnlichen Zertifikatestrukturen können Sie nicht davon ausgehen, dass diese langfristig steuerfrei bleiben werden, selbst wenn sie schon unter die Altbestandsregelung (Kauf vor 15.03.2007) fallen. Denn auch hier kann es zu Stammdatenänderungen kommen, wenn die Emittenten die Ausgestaltung verändern oder die Zertifikate sogar kündigen. Ebenso sollten Sie die Steuerfreiheit von Zertifikaten bis 30.06.2009 nicht nutzen, denn Sie können die dann freiwerdenden Gelder nicht mehr steuergünstig anlegen. Daher sollten Sie alle (nicht spekulativen) Zertifikate besser bereits bis Ende 2008 in andere langfristige Anlagen umschichten.
Sehr wichtig ist auch, dass Sie sich damit auseinandersetzen, wie hoch Ihre persönliche Risikotoleranzschwelle ist. Es nützt nichts, Ihr ganzes Vermögen steuergünstig in Aktien oder Fonds anzulegen, wenn Sie dann bei einer größeren Korrektur nicht mehr ruhig schlafen können. Sie sollten sich daher rechtzeitig um eine für Sie persönlich optimale Strukturierung Ihres Vermögens kümmern. Dafür gibt es viele steuerlich günstige Modelle. Interessant kann z.B. ein Broker im Ausland sein, denn hier müssen Sie auf anfallende Gewinne die Steuern erst im Nachhinein entrichten. Damit ergibt sich eine Steuerstundung bis zur nächsten Steuererklärung. Eine Vermeidung von Steuern kann neben dem Halten von Altbeständen dadurch erreicht werden, dass Sie schlicht und einfach ins Ausland auswandern. Besonders interessant sind dafür Luxemburg, Österreich und die Schweiz. Wir haben bereits jetzt die höchsten Auswanderungsquoten seit dem Zweiten Weltkrieg. Da dies gerade die gutverdienenden jüngeren Menschen ins Auge fassen, ist die Entwicklung eine große Gefahr für die weitere wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands. Eine weitere interessante Strategie stellt laut Markus Miller die (weiterhin legale) Verlagerung eines Wertpapierdepots in luxemburgische oder liechtensteinische Lebensversicherungsmäntel dar. Innerhalb dieses Mantels können dann auch weiterhin steuerunschädliche Umschichtungen der Anlagen erfolgen. Auch Zuflüsse (Dividenden, Zinsen, etc.) können hier steuergünstig wieder angelegt werden, was bei keiner Kapitalmarktanlage in Zukunft möglich sein wird. Erst bei Auflösung dieser Konstruktion (nach mindestens 12 Jahren und nach dem 60. Lebensjahr) muss nur die Hälfte des Ertragsanteils mit Ihrem persönlichen Steuersatz versteuert werden. Lebensversicherungen werden daher künftig wichtige Anlagen sein, bei denen es noch ein Halbeinkünfteverfahren geben wird. Günstig werden auch wieder alle Arten von geschlossenen Anlagen sein wie Riester, Rürup, betriebliche Lösungen und Rentenverträge ebenso wie verschiedenste geschlossene Fonds. Dazu gehören auch Anlagen in physische Edelmetalle wie Münzen oder Barren (auch möglich sind spezielle Edelmetallkonten), die weiterhin nach einem Jahr Haltedauer steuerfrei bleiben. Wichtiger als die Steuervermeidung wird aber auch in Zukunft das Finden optimaler Anlagen sein. Daher kann ein Umschichten weiterhin besser sein als das Festhalten an (steuerfreien) ungünstigen Vermögensanlagen. "Das Steuern ist immer wichtiger als die Steuern".
Insgesamt verurteilt Markus Miller besonders die ungünstige Ausgestaltung der deutschen Abgeltungsteuer, da sie vor allem für Menschen in der Vermögensaufbauphase und langfristige Anleger sehr negative Auswirkungen hat. Sie wird zu einer großen Steuerflucht führen und bevorzugt besonders die bereits sehr wohlhabenden Personen, die in Zukunft deutlich weniger Steuern zahlen müssen als bisher mit ihrem persönlichen Steuersatz. Da immer noch nicht die Ausgestaltung des Gesetzes endgültig abgeschlossen ist, sollten Sie keine zu eiligen Entscheidungen treffen. Informieren Sie sich gründlich und legen Sie sich gute Anlagemöglichkeiten für einen noch möglichen Markteinbruch auf die Watchlist. Zusätzlich sollten Sie Rohstoffzertifikate in den nächsten Monaten bei jeder günstigen Gelegenheit in physische Investments umschichten.
Die Podiumsdiskussion: Verschiedene Ansichten erfordern unterschiedliche Strategien für Sie als Anleger
In der abschließenden Podiumsdiskussion wurden die Thesen der Teilnehmer noch einmal lebhaft diskutiert. Festzuhalten bleibt: Die Erwartungen für die Zukunft gehen deutlich weiter auseinander als im vergangenen Jahr. Wie die Anleger sich jetzt positionieren sollten, hängt ganz entscheidend auch von der persönlichen Risikotoleranz ab. Wer eine weitere Abwärtsbewegung tolerieren kann und möglicherweise mit Abstauberlimits ausnutzen will, sollte beginnen, sich in den Markt zu kaufen. Wer lieber auf Nummer sicher geht, sollte besser das Risiko eingehen, eine (begrenzte) Aufwärtsbewegung zu verpassen als von einer weiteren Abwärtsbewegung kalt erwischt zu werden. Ob Aktien jetzt unter Bewertungsgesichtspunkten wirklich schon günstig sind, wird sich erst nach Vorlage der nächsten Zahlen zeigen. Denn ein optisch niedriges KGV kann bei einem Gewinneinbruch z.B. durch eine Rezession auch sehr schnell steigen, ohne dass die Aktie sich bewegt oder gar, wenn sie weiter fällt. Selbst ob wir nun eine Rezession, Deflation oder gar eine weitere kräftige Inflation bekommen, war heftig umstritten. Noch sind weitere Gefahrenpunkte des Marktes bzw. der Banken nicht wirklich sicher vorherzusagen. Langfristig gesehen, sind viele Risiken aber bereits eingepreist, sodass Sie besonders im Hinblick auf die kommende Abgeltungssteuer bereits über die Umsetzung von Strategien für die langfristige Vermögensanlage nachdenken sollten.
Der wie immer charmante und wortgewandte n-tv-Moderator Raimund Brichta schloss die angeregte Diskussion und den interessanten Tag mit dem passenden Zitat von Andre Kostolany: "An der Börse ist alles möglich, auch das Gegenteil". Das perfekte Motto für eine schwierige Börsensituation, die von hochkarätigen Referenten aus allen Blickwinkeln beleuchtet wurde.
Damit verbleibe ich bis zum nächsten "Bericht aus Bonn" in hoffentlich wieder besseren Börsenzeiten,
herzlichst Ihre Berichterstatterin
Daniela Knauer