Abend in Amerika
Bill Bonner in Investors Daily
vom 06. Januar 2006 18:00 Uhr
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"Es ist seltsam, ich meine, wie die Dinge sich entwickeln", sagte ein Gast bei einem Abendessen. "Es wirkt so, als wandere der Wahnsinn um die Erde. Wir Europäer versuchten wir einander das Gehirn herauszuschlagen. In Amerika war man klug. Man lehnte sich zurück. Jetzt ist man dort verrückt geworden."
Mein Gast beschrieb die Welt des 19. und 20. Jahrhunderts – die Tage, als die Vorstellung eines amerikanischen Imperiums noch absurd war. Während sich Kriege, Revolutionen und Pogrome in Europa ausbreiteten – und in weiten Teilen der restlichen Welt – kümmerte sich Amerika um die eigenen Angelegenheiten und zögerte, sich einzumischen. In Europa schossen ansprechende neue Ideen wie Pilze aus der Erde. Aber in Amerika blieb man auf dem Boden.
Die meisten kümmerten sich um ihr Geschäft und suchten die Zufriedenheit im privaten Bereich – und man versuchte reich zu werden. "Das Geschäft des Amerikaners sind die Geschäfte", erklärte Calvin Coolidge. Dann fiel uns plötzlich ein, dass Geld nicht alles ist. Die Sehnsucht nach Reichtum ist nicht immer wohltuend, nicht immer gewinnbringend und selten schmeichelhaft oder würdevoll.
Der Kampf, den ein richtiges "Business" nötig macht, hat etwas Vulgäres ... wie Schweißflecken auf einem gestärkten Hemd oder eine Tasse kalten Kaffees und abgebrannte Zigaretten. Jeder, der ein Vermögen machen will, muss sich dafür abrackern. Es ist schwer, elegant und kultiviert zu sein, wenn man das Geld und die Marktanteile zusammenkratzt.
Aber sich für Geld abzuarbeiten ist immer noch besser als viele andere Dinge, die die Leute machen. Im Folgenden einige Gedanken über die Dinge, die weniger gut sind, als die Begierde nach Geld. Sich für Geld abzuarbeiten mag einer bescheidenen Nation ausreichen, um sich den Weg in der Welt nach oben zu erarbeiten, aber reicht es für die größte Nation der Welt?
"Das Problem mit dem Beharren des Marktes auf Konservativismus ist, dass es langweilig wird", sagte William F. Buckley zu Corey Robin. "Man merkt es sofort, man hat eine Ahnung davon. Die Vorstellung, sein Leben dieser Sache zu widmen ist deshalb so erschreckend, weil sich alles immer wieder wiederholt. Es ist wie mit dem Sex."
Ein anderer alter "Konservativer", Irving Kristol sagte zu Corey: "Warum sollte man der Größte sein, die mächtigste Nation der Welt, und dann keine imperiale Rolle spielen?"
"So ein Pech!", klagte Kristol über die Plackerei für Geld, "ich denke es ist die natürlichste Sache der Welt, ... dass die USA eine viel entscheidendere Rolle in der Weltpolitik spielen sollten ... sie sollten Befehle erteilen und sagen dürfen, was getan werden soll. Die Leute brauchen das."
"Wenn ich an all die verrückten Dinge denke, die in Frankreich im letzten Jahrhundert passiert sind", fuhr ein anderer Gast fort, "Oder vielleicht sollte ich sagen: in Europa. Wissen Sie, die meisten der schrecklichen Ideen haben wir uns damals ausgedacht."
"Man denke nur an all die schlechten Ideen, die aus Europa kamen. Und selbst in Amerika kamen, wenn ich mich nicht irre, fast alle neuen Entwicklungen in der Philosophie, der Kunst und der Architektur mit den Immigranten ... oder Flüchtlingen ... aus Europa. Fast alles. Sicher, das meiste davon war harmlos. Manchmal sogar lustig ... so wie der Dadaismus. Aber die Politik war nicht so harmlos."
Aber jetzt hat sich die Welt gewandelt. Jetzt tut Amerika, was Europa damals tat. Hier kommen jetzt die neuen Ideen her ... und man versucht die Menschen dazu zu zwingen, sie anzunehmen. Amerika hat diesen ... wie heißt das noch gleich ... Neo-Konservatismus.
"Uns fällt auf, dass wir in einer Zeit leben, die sich von anderen unterscheidet", sagte Bush 2004 in seiner Rede zur Lage der Nation. Was diese Zeit so sehr unterscheidet ist, dass Amerika immer mehr wie eine Parodie seiner selbst wirkt. Es sieht immer mehr so aus wie das Land, das die Linken schon so lange kritisiert haben, das aber nie wirklich existiert hat. Eine erstaunliche Kombination aus Selbsttäuschung und Selbstzufriedenheit mit einer Tendenz zur Selbstzerstörung. Die alten Konservativen, mit ihren reflexartigen Neigung zu kleinen Regierungen, ausgeglichenen Haushalten und wenigen Regulierungen – republikanische Prinzipien aus der Zeit Eisenhowers – hätten die Situation vielleicht retten können, aber die alten Konservativen gibt es nicht mehr.
Es ist eine Schande mit dem Konservatismus. Ja, die alten Trantüten haben jeden Fortschritt gebremst. Ja, die alten Tattergreise waren langweilig und vorhersehbar. Ja, die Alten reagierten immer dann, wenn es so aussah, als könnten die Leute zu viel Spaß haben. Und doch vermisse ich diese alten Fossile. Man konnte sich darauf verlassen, dass sie der Tyrannei des Hier und Jetzt nicht erliegen würden. Wenn sich etwas Neues auftat, dann war sicher, dass es ihnen nicht gefallen würde.
Sie widerstanden dem Neuen, nicht wegen ihrer intellektuellen Ansichten, sondern so wie man etwas gegen neue Schuhe hat und wie ein Hund sich gegen ein neues Halsband wehrt. Der neue Stil war vielleicht in Mode, aber das war auch schon Grund genug, einen Bogen darum zu machen.
Als Glaubensbekenntnis hat der Konservatismus alle seine Anhänger verloren, zumindest in den USA. Als Philosophie ist er fast verschwunden. Als politische Bewegung ist er tot umgefallen. Heute steht man eher auf die neuen Dinge.
Die Hauptqualität des Konservatismus ist kein besonderes Programm (weder für geringere Steuern, noch um eine Fahne zu hissen), sondern eher eine Möglichkeit, die Dinge zu betrachten – misstrauisch; und eine Möglichkeit auf neue Vorschläge zu reagieren – zögerlich. Die Konservativen bekämpfen neue Ideen genauso wie Sushi: Es ist nicht nur entsetzlich, es sieht sogar so aus, als könnte es gefährlich sein.
Aber jetzt haben die Alten angefangen, sich die Haare zu färben und ihre Gesichter zu liften. Sie refinanzieren ihre Häuser, zahlen mit Kreditkarten und stimmen für jeden, der ihnen das meiste vom Geld anderer Leute verspricht. In der Politik und beim Geld halten sich die Leute an das, was gerade in Mode ist – genauso wie alle anderen auch.
Das einzige, auf das immer noch Verlass ist, ist die Eitelkeit – die scheint nie aus der Mode zu kommen. Im Hier und Jetzt ist jede Generation die Größte, die je gelebt hat. Jedes Imperium wird ewig währen und jeder, der dem Imperium Probleme bereitet, ist ein bösartiger Unmensch.
In den frühen Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts wurden die amerikanischen neokonservativen Erben der Wilsons – Woodrow Wilson und Ronald Wilson Reagan – zu den dynamischsten und ehrgeizigsten Erbauern eines Imperiums.
"Diese kalten Krieger waren überwiegend Liberale einer besonders ideologischen, eifrigen Art", erklärt ein Artikel in einer Zeitschrift der amerikanischen Konservativen: Viele von ihnen entstammten der extremen Linken. Sie hatten sich gegen den Kommunismus gewandt, weil sie universalistische Einwände hatten und keinen Wettbewerb wollten. Diese Befürworter eines einzigen Modells für alle Gesellschaften waren in der Lage, Bündnisse mit vermeintlichen Konservativen einzugehen, die in der Zeit des kalten Krieges angefangen hatten zu glauben, dass konservativ zu sein immer bedeutet, in der Außenpolitik militant und bestimmend zu sein.
Daran gewohnt, "hinter Amerika zu stehen, sahen diese nationalistischen und säbelschwingenden Konservativen in dem Grund einer besseren Welt eine neue Möglichkeit, ihren Wunsch zu erfüllen, der amerikanischen Macht Ausdruck zu verleihen." Die Neokonservativen predigten einen Psalm der "globalen demokratischen Revolution", um George Bush noch einmal zu zitieren. An Revolutionen ist nichts konservativ. Aber das ist wohl niemandem aufgefallen.
Der ehemalige Finanzminister Paul O'Neill, der Anführer der freien Welt, hatte Schwierigkeiten damit, die Diskussionen zur Außenpolitik im Weißen Haus zu verfolgen. Aber George Bush ist ein gewiefter Politiker, der einen guten Slogan erkennt, wenn man ihm einen gibt. er sah sofort die Vorteile, die es mit sich bringen würde, wenn man Mesopotamien oder Abessinien angreifen würde – es gab ihm die Möglichkeit, mehr Ausgaben zu rechtfertigen, als je ein Präsident vor ihm ausgegeben hat, fast ohne den geringsten Protest.
Traditionellen Konservativen hat diese militante Dreistigkeit die Sprache verschlagen.