4 Jahre Rezession in Argentinien
unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily
vom 17. Dezember 2002 18:00 Uhr
ENL5454
Einer der Vorteile der Volkswirtschaftslehre ist der, das man niemals darüber nachdenken muss. Inflation, Deflation, ... Zahlungsbilanzen, Zinspolitik – was für einen Unterschied macht das schon?
Vom Investment-Standpunkt her zählt nur das, was man selber sieht – also die Mikro-Ebene. Was auf makro-ökonomischer Ebene passiert, spielt keine Rolle.
Ein Beispiel: Wenn man eine gute Gesellschaft zu einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 8 kaufen kann ... was kümmert es einen dann, wenn der Leitzins erhöht wird? Oder, wenn man ein sehr schönes Apartment kaufen kann, das zu einem exzellenten Mietzins vermietet werden könnte – ist es dann wirklich schlimm, wenn sich der Immobilienmarkt insgesamt in einem Bärenmarkt befindet?
Oder, was für einen Unterschied macht es, wenn im ganzen Land der "Krieg der Geschlechter" herrscht ... solange man zu Hause einen Waffenstillstand geschlossen hat? *** Die Aktienmärkte sind auf dem besten Weg dazu, das dritte Jahr in Folge Verluste eingefahren zu haben. Der Wilshire Index – ein sehr breitgefasster Index, der nahezu den gesamten US-Markt abdeckt – hat in diesem Jahr über 20 % verloren. Viele der großen Aktien haben noch schlechter abgeschnitten. AOL hat fast 60 % verloren, AT&T über 50 %, General Electric fast 50 % und Cisco 22 %. Sogar Microsoft hat dieses Jahr 18 % an Wert verloren.
Aber dennoch sind Aktien hartnäckig teuer. Die Unternehmensgewinne fallen schließlich. Deshalb sind die Kurs-Gewinn-Verhältnisse (KGV's) sogar trotz solchen fallenden Kursen noch hoch. Das Barron's Magazin nennt für den S&P 500 ein laufendes KGV von 29. S&P selbst nennt hingegen einen Wert von 48, basierend auf den "Kern-Ergebnissen" (bereinigt um Pensionsrückstellungen und Aktienoptionsprogramme).
Wenn man sich diese Aktien etwas näher ansieht, ohne sich um die volkswirtschaftlichen Daten zu kümmern, dann ist das ein bisschen so, als ob man eine alternde Prostituierte bei Tag sieht – kein schöner Anblick. Und wahrscheinlich nichts, für das man sein Geld ausgeben würde.
*** "Jetzt ist die Zeit, Land in Argentinien zu kaufen", sagte ein Freund von mir letzte Woche begeistert. "Das Land ist total durcheinander ..."
Am Wochenende wurde gemeldet, dass Argentinien weiterhin seine Auslandsschulden nicht bedienen will. "Wir werden nicht bezahlen", sagte ein Offizieller, womit er nur das bestätigte, was ohnehin jeder wusste.
Argentinien ist jetzt das vierte Jahr in einer Rezession. Bis jetzt sind 10 Leute verhungert.
Argentinien, bis vor kurzem noch der "Brotkorb von Südamerika", hat einige der besten Ländereien der Welt. Vor einem Jahrhundert war das Land fast so reich wie Europa und die USA, und es wurde weithin als Wettbewerber wahrgenommen. Das hat sich geändert ...
Dennoch hat es dieser Nation im gesamten 20. Jahrhundert genauso wenig wie Japan jemals an Zentralbankern, zentralen Planern oder Politikern gemangelt. Könnte es sein, dass sich diese Leute von Zeit zu Zeit irren? Könnte es sein, dass sich zentrale Planer sowohl in der südlichen Hemisphäre als auch in der nördlichen irren können? Und auch in der westlichen und in der östlichen?