21. Jahrhundert: Bis jetzt zu 100 % mit Alan Greenspan als Fed-Vorsitzendem
unserem Korrespondenten Eric Fry in New York in Investors Daily
vom 28. Juli 2003 18:00 Uhr
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Ich glaube, dass es nicht mehr von langer Dauer sein kann, dass steigende Aktienkurse mit fallenden Anleihenkursen Hand in Hand gehen. Bald werden die Aktieninvestoren den Schmerz mit den Anleihenbesitzern teilen. Derzeit leugnen das allerdings die Aktieninvestoren.
"Macht Euch keine Sorgen wegen den steigenden Renditen am Anleihenmarkt!" sagen die Aktienmarkt-Bullen. "Die Zinsen steigen IMMER, wenn sich die Wirtschaft erholt. Der Anstieg der langfristigen Zinssätze ist deshalb ein gutes Zeichen – ein hoffnungsvoll stimmendes Omen, auch wenn er schmerzlich ist für die Leute, die Anleihen besitzen." Ich bin da skeptischer, zum größten Teil deshalb, weil die US-Wirtschaft sich zuletzt fast vollständig auf die Konsumausgaben verlassen hat, und die waren zuletzt fast vollständig von den auf Rekordtief stehenden Zinssätzen abhängig.
Die US-Wirtschaft des 21. Jahrhunderts unterscheidet sich in einigen sehr wichtigen Aspekten von der US-Wirtschaft des 20. Jahrhunderts. Zuerst einmal ist die Konsumnachfrage des 21. Jahrhunderts opportunistisch und basiert eher auf Wünschen als auf Bedürfnissen. Mit anderen Worten, die Konsumenten denken ungefähr so: "Wenn Du mir das gibst, dann nehme ich es."
Dann haben die Amerikaner es gelernt, Rezessionen weder zu erwarten noch zu tolerieren. Wir könnten dem Fed-Vorsitzenden Alan Greenspan dafür danken, dass er diese beiden sozioökonomischen Phänomene gefördert hat. Man sollte nicht vergessen, dass die US-Wirtschaft des 20. Jahrhunderts 87 Jahre OHNE die visionäre Führung von Alan Greenspan überlebte. Greenspan wurde 1987 Fed-Vorsitzender, das bedeutet, dass die US-Wirtschaft des 20. Jahrhunderts nur zu 13 % von seiner Existenz profitieren konnte.
Im Gegensatz dazu standen 100 % der US-Wirtschaft des 21. Jahrhunderts unter der Führung von Alan Greenspan ... es lebe der Unterschied: Im 20. Jahrhundert gab es die Weltwirtschaftskrise, während es im 21. Jahrhundert bisher nur eine sehr minimale Rezession gab. Und während dieser statistischen Rezession sind die Immobilienpreise weiter gestiegen, in den teuren Restaurants waren die Tische weiterhin alle belegt und der Aktienkurs von Porsche ist auf ein neues Allzeithoch gestiegen.
Ist es da ein Wunder, dass die Amerikaner mit Greenspan an der Spitze gelernt haben, nichts zu erwarten als Vollzeit-Reichtum? Bärenmärkte, Rezession oder Regenwetter können ihrer Meinung nach durch die Senkung der Leitzinsen zur rechten Zeit eliminiert werden – das ist Greenspan's Job.
Unter Greenspan haben die Amerikaner auch gelernt, dass die Aktienkurse langfristig immer steigen, und dass die Hypothekenzinsen immer niedrig bleiben werden, um Immobilienkäufe zu erleichtern. Als Nebenprodukt der "New Economy" von Alan Greenspan glauben die meisten Amerikaner mittlerweile auch an eine "neue Geopolitik". Amerika kann demnach seine militärische Macht wo und wann es will ins Spiel bringen. Und wenn ein Land wagt, sich Amerika in den Weg zu stellen, dann werden die USA sich mindestens damit rächen, dass ein amerikanischer Bürger den Sieg im Nationalsport dieses Landes davonträgt ...
Aber ein Nachteil der rezessionsfreien Wirtschaft des 21. Jahrhunderts ist auch, dass sie eine aufschwungfreie Wirtschaft ist. Und das ist auch der Grund, warum steigende Zinsen im derzeitigen Erholungsversuch große Schmerzen bereiten können. Denn es waren alleine die niedrigen Zinsen, die die US-Wirtschaft gestützt haben, und es gibt keine "aufgestaute Nachfrage" nach Konsumgütern und Dienstleistungen, nur "opportunistische Nachfrage". Wenn die Zinsen steigen, wird die "opportunistische Nachfrage" nach schuldenfinanzierten Käufen verschwinden.
Der US-Konzern General Motors verkauft seine Autos nur noch, indem er mehr als 3.000 Dollar Rabatte pro Wagen gewährt, oder indem er diese Autos zu 0 % über 5 Jahre finanzieren lässt. Oder beides. Aber die Aufgabe, die Käufer dazu zu veranlassen, sich Geld zu leihen für Dinge, die sie nicht brauchen, wird zunehmend schwieriger.
Jetzt, wo die Zinsen steigen und die Kosten für schuldenfinanzierten Konsum deshalb ebenfalls steigen, wird die "opportunistische Nachfrage" wegbrechen. Das könnte dazu führen, dass die amerikanische Wirtschaft in einen tiefen Schlaf fallen wird.