11.11., 11 Uhr 11
Michael Vaupel in Traders Daily
vom 11. November 2005 12:00 Uhr
ENL5454
*** Gestern wurde neue Zahlen zum "Zwillingsdefizit" der USA veröffentlicht. Der eine Zwilling ist das Haushaltsdefizit, und der andere das Handelsbilanzdefizit. Diesmal kein eindeutiges Signal:
Denn das Haushaltsdefizit für Oktober blieb mit 47,2 Mrd. Dollar rund 10 Mrd. Dollar unter dem Wert von Oktober 2004. Das Handelsbilanzdefizit hingegen stieg auf das neue REKORDMINUS von 66,1 Mrd. Dollar (was deutlich über den Schätzungen lag, die von ca. 60,0 Mrd. Dollar ausgingen). Das bedeutet, dass die USA mittlerweile für mehr als 2 Mrd. Dollar PRO TAG mehr importieren als exportieren.
Meine Prognose: Ab diesem Monat wird das Haushaltsdefizit ebenfalls wieder steigen (Folgekosten von "Katrina"). Beide Zwillinge belasten also den Dollar. Der Euro kann davon aktuell jedoch nicht profitieren: Denn das Sentiment (die Stimmung) ist aktuell gegen ihn, zudem hat er einige Widerstände nach unten durchbrochen. Dennoch: Aufgrund der gerade genannten Zahlen bleibe ich weiter Dollar-Bär.
*** Ich komme auf das gestrige "Rätsel" zurück ... und es ist gelöst. Ich danke insbesondere Trader's Daily-Leser Hans Christian W. für seinen Hinweis. Also, hier der Grund, warum Norsk Hydro das profitabel arbeitende HAW (Hamburger Aluminium Werk) dicht macht:
Norsk Hydro baut in Katar – steinreicher Öl-Staat am Persischen Golf mit ca. 850.000 Einwohnern – ein neues, riesiges Aluminiumwerk. Zusammen mit "Qatar Petroleum" (Aufteilung: 49 % Norsk Hydro, 51 % Qatar Petroleum). Ein entsprechendes Abkommen ist mit seiner Hoheit Abdullah Bin Hamad Al-Attiyah unterschrieben worden. Dieser Mann ist in Katar sowohl Minister für Energie und Industrie als auch Chairman von "Qatar Petroleum". Und eben diese Qatar Petroleum lassen sich das neue Großprojekt mal eben 1,5 Mrd. Dollar kosten.
Dadurch wird ein Riesen-Aluminiumwerk nach dem letzten Stand der Technik entstehen. Norsk Hydro setzt voll auf dieses neue Werk, das auch den europäischen Markt bedienen kann, und möchte deshalb das HAW aufgeben. Das und nicht die gestiegenen Energiekosten sind also der wirkliche Grund. Also wird das HAW dicht gemacht. Gleichzeitig hat Norsk Hydro aber auch kein Interesse an einem Verkauf des HAW, denn wieso sollte diese zusätzliche Aluminium-Kapazität unter Kontrolle eines Konkurrenten am Markt bleiben?
Trader's Daily-Leser Günter L. formuliert treffend: "Das wäre dann eben auch nur eine Form der Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland – diesmal von profitablen!" Das ist also die Erklärung. Wenn ich ein bisschen darüber nachdenke, finde ich es erschreckend: Denn nun sind nicht mehr nur Verlust bringende Unternehmen von der Schließung bedroht – sondern auch kerngesunde. Solange es irgendwo auf der Welt eine Möglichkeit gibt, das Gleiche zu etwas niedrigeren Kosten zu produzieren. Und diese Möglichkeit gibt es praktisch immer irgendwo. Wenn sich diese Entwicklung allerdings allgemein durchsetzt – dann gute Nacht.
Ich wünsche Ihnen ein angenehmes Wochenende!
Michael Vaupel