- Schicksal Demografie
John Mauldin in Investors Daily
vom 28. März 2003 18:00 Uhr
ENL5454
In den USA kommt jetzt bald die Generation der "Baby Boomer" (ein besonders geburtenstarker Jahrgang) ins Rentenalter. Man kann prognostizieren, dass das durchschnittliche Ruhestands-Eintrittsalter steigen wird. Steigen wird auch der Anteil der Gesundheitsausgaben am Bruttoinlandsprodukt. Was man nicht übersehen sollte: Die Baby Boomer werden tendenziell die Aktien in ihren Depots verkaufen, um ihren Ruhestand finanzieren zu können.
Heute will ich mich aber nicht auf die USA konzentrieren, sondern auf den Rest der Welt. Wenn man die amerikanischen demografischen Probleme als ernst bezeichnen kann, dann ist der Rest der Welt mit einer demografischen Krise konfrontiert. In den nächsten Dekaden wird die demografische Entwicklung zu weitreichenden Änderungen führen.
Martin Barnes und sein Team vom Credit Analyst, einer kanadischen Bank, haben einige traurige Punkte zu diesem Thema herausgearbeitet: "Die Bevölkerungszahl der 'entwickelten Länder' wird in den nächsten 50 Jahren rapide abnehmen, während die Bevölkerung der Entwicklungsländer – besonders islamischer Länder – dramatisch steigen wird. Die Bevölkerung Deutschlands wird bei 80 Millionen Menschen stagnieren, während der Jemen von 18 Millionen Einwohnern auf über 84 Millionen wachsen wird."
"In Russland wird die Bevölkerung von 145 Millionen auf knapp über 100 Millionen zurückgehen. Im Iran wird es einen Zuwachs von 66 Millionen auf 105 Millionen geben. In Japan wird die Bevölkerung auf 109 Millionen Menschen fallen, während der Irak und Saudi-Arabien auf 110 Millionen wachsen werden. In Italien wird die Bevölkerung von 57 Millionen auf 45 Millionen Menschen fallen, während die Bevölkerungszahl in Afghanistan von 21 Millionen auf 70 Millionen steigen wird."
Diese Zahlen unterstützen einen 100seitigen CIA-Bericht, der im Juli 2001 veröffentlicht wurde. In diesem Report wurde u.a. festgestellt, dass "die dramatischen Bevölkerungsrückgänge Kraftvakuen schaffen würden, die neue ethnische Gruppen ausnutzen würden. Unterschiedliche Bevölkerungs-Wachstumsraten zwischen benachbarten Staaten haben historisch gesehen die Machtbalancen geändert ... Unsere Alliierten in der industrialisierten Welt werden mit der nie gesehenen Herausforderung einer alternden Bevölkerung konfrontiert werden. Sowohl Europa als auch Japan werden globale Macht und Einfluss verlieren ..."
"Ein Scheitern bei der Integration der großen jungen Bevölkerung im Nahen bzw. Mittleren Osten und im Afrika südlich der Sahara wird wahrscheinlich zu einem Kreislauf von politischer Instabilität, ethnischen Kriegen, Revolutionen und Rebellionen führen, die bereits jetzt in vielen dieser Länder stattfinden. Arbeitslose Jugendliche sind für radikale Bewegungen und terroristische Organisationen sehr empfänglich, besonders im Nahen bzw. Mittleren Osten."
Und eine Studie vom BCA meint dazu: "Die wachsende Zahl junger Leute in instabilen Ländern könnte sich auf zwei Arten auswirken. Zum Beispiel gibt es Zeichen dafür, dass die jungen Leute im Iran weg vom Fundamentalismus wollen, hin zu einem weniger strengen Regime. Die wachsende Kraft der Jugend kann auch eine Kraft für einen positiven Wechsel sein. Allerdings ist es eine große Herausforderung, die Demokratie in Länder zu bringen, die keine historische Erfahrung mit Demokratie haben. Das wird besonders dann der Fall sein, wenn es der Weltwirtschaft nicht gut geht, denn die schlechte Demografie wird die Nachfrage in der industrialisierten Welt unterminieren."
Die Weltwirtschaft wird derzeit von den USA, Europa und Japan dominiert. Diese gerade zitierten Studien zeigen, dass Europa und Japan zum Wachstum keinen oder nur noch einen geringen Beitrag liefern werden. Die Welt ist bereits zu stark auf die USA zentriert; jeder will den US-Konsumenten etwas verkaufen. Das amerikanische Handelsbilanzdefizit – das alleine im Januar bei 41 Mrd. Dollar lag – kann nicht auf Dauer so hoch bleiben.
Das BCA meint, dass die japanische Staatsverschuldung in den kommenden Jahrzehnten auf 300 % des Bruttoinlandsproduktes steigen wird (zum Vergleich: Die Obergrenze, die der Maastricht-Vertrag vorgibt, liegt bei 60 %). Auch bei Zinssätzen von 0 % wäre dies eine gewaltige Summe.
Die japanische Volkswirtschaft kann solche Schulden nicht bewältigen, ohne die Druckerpresse anzuwerfen und einfach Geld zu drucken. Es ist schwer, sich den schon schwachen Dollar gegenüber einem solchen Yen fallend vorzustellen.
Europa wird in Zukunft in der Welt eine kleinere Rolle spielen. Die Rolle von Asien, besonders die von China und Indien, wird in der Welt unserer Kinder deutlich signifikanter sein.
Die Probleme, die gerade dargelegt wurden, werden demnach in erster Linie Europa und Japan betreffen. Sie werden Probleme mit den Rentenzahlungen haben, und es wird schwierig werden, ihre Volkswirtschaften am Wachsen zu erhalten. Sie werden nicht gleichzeitig ihre Rentner bezahlen können und gleichzeitig Wachstum erzielen können – sie müssen sich für das Eine oder das Andere entscheiden. Wenn sie sich dazu entschließen, die Steuern zu erhöhen, wird das der jüngeren Generation nicht gefallen. Aber ist es alternativ dazu möglich, dass die Mehrheit einer gealterten Bevölkerung dafür stimmt, ihre eigenen Renten zu kürzen? Kurz gesagt: Damit die Weltwirtschaft wachsen kann, müssen die Entwicklungsländer nach eigenen Wachstumsquellen suchen. Die entwickelten Länder mit alternden Bevölkerungen werden nicht mehr der Wachstumsmotor sein können, der sie in der letzten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren.
Für Investoren, die nach vorne schauen, bedeutet dies, dass es in den sogenannten Emerging Markets reale Wachstumschancen gibt.
1945 dachten viele, dass es unmöglich sei, in Japan eine erfolgreiche Demokratie zu installieren. Heute sehen wir, wie sich China auf eine kapitalistische Volkswirtschaft und Demokratie zu bewegt. Welcher Aktienmarkt legte im letzten Jahr den höchsten Zuwachs hin? Es war der russische, und Russland hat – nicht zufälligerweise – sehr niedrige Steuersätze.
Nennen Sie mich naiv, aber ich denke nicht, dass der Hauptgrund für den Irakkrieg Öl ist, oder die amerikanische Hegemonie oder die Etablierung einer Demokratie im Irak. Ich denke, dass die derzeitige US-Administration beabsichtigt, die Gelegenheit zu nutzen, eine funktionierende islamische Demokratie zu schaffen, die weit ausstrahlen könnte.
Die Iraker sind gebildet, unternehmungsfreudig und geschäftsorientiert. Wenn sie die Chance dazu haben, könnten sie viele in der Welt mit einer schnellen Erholung überraschen. Angesichts ihrer explodierenden Bevölkerung könnten sie ein Wachstumsmotor für die Region werden. Wenn Bush dem Irak ernsthaft helfen will, dann sollte er alle Handelshemmnisse für das neue Regime beseitigen, und er sollte die Kräfte des freien Marktes wirken lassen.
Vor ein paar Jahren hatten die Amerikaner vor den chinesischen Horden und ihrer Armee Angst. Das war der Feind. Heute sind die beiden Volkswirtschaften so vernetzt, dass es im beiderseitigen Interesse liegt, die Probleme friedlich zu lösen. Die USA und China hängen jetzt voneinander ab. Wenn die USA mit dem Irak und der arabischen Welt Frieden finden wollen, dann müssen sie Wege finden, auch mit ihnen wirtschaftliche Verflechtungen einzugehen.
Ich hoffe, dass das jetzt der Beginn dazu ist. Wenn nicht, dann werden die demografischen Entwicklungen, die ich dargelegt habe, sehr negative Konsequenzen für uns, unsere Kinder und Enkel haben.